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Die sogenannte Gegenwart

Was verraten Netflix-Kochshows über unsere Gesellschaft? Ist woke das neue narzisstisch? Und warum trinken jetzt eigentlich alle Ingwershots? Wir sprechen über Phänomene, die unsere Gegenwart ausmachen – die ZEIT-Feuilleton-Redakteure Nina Pauer, Ijoma Mangold, Lars Weisbrod und Apples Sprachassistentin Siri begleiten die Hörerinnen und Hörer durch die Jetztzeit. Dieser Podcast wird produziert von Pool Artists.

Alle Folgen

  • 26.10.2020
    48 MB
    57:02
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    Investiert euch!

    Eigentlich schaut die deutsche Gesellschaft mit großem Misstrauen auf den Kapitalismus, auf Investments und Unternehmen, nur in der Vox-Show “Höhle der Löwen” ist das anders. Hier pitchen Gründerinnen und Gründer am laufenden Band neue Geschäftsideen: Apps für den "digital detox", Milch aus Erbsen, Anti-Matsch-Säcke, in denen man die eigenen Kinder verstauen kann oder die sich selbst reinigende Klobürste, die den Markt revolutionieren könnte. Ein Team nach dem anderen tritt mit seinen Ideen an, um die Löwen, also die Investorinnen und Investoren mit ihren gefüllten Kriegskassen, für sich und ihr Produkt gewinnen zu können.

    Damit werden in dieser Castingshow, in der die Löwen ihr echtes, eigenes Kapital einsetzen, all jene Tugenden, die sonst als Gier und egoistisches Freiheitsstreben abgelehnt werden, gefeiert. Die Jury besteht auch nicht aus Heuschrecken, sondern aus Löwen, um deren Kraft und Unterstützung die Entrepreneure buhlen. Wird ein Deal geschlossen, fallen sich alle stürmisch in die Arme.

    Was sagt uns dieses Fernsehformat? Wird der Gründergeist endlich sexy? Oder warum hat die Sendung ein solches Suchtpotenzial? Für den Feuilleton-Podcast “Die sogenannte Gegenwart” ist sie in jedem Fall das perfekte Thema, denn gewissermaßen präsentiert die Show einen einzigen großen Gegenwartscheck. Bei jeder Investment-Entscheidung geht es schließlich um die Frage: Gibt es einen Markt für dieses Produkt oder ist dieser schon gesättigt? Braucht man wirklich noch mehr vegane Fertigkost im Einwegglas? Haben sich Fitnesstools für noch mehr Muskelaufbau nicht doch lang schon erledigt? Und was würde eigentlich die Aufräumkönigin Marie Kondo zu all den neuen Produkten wie der mobilen Po-Dusche sagen, die vielleicht schon nach einer Woche wieder unbenutzt in der Ecke liegt? Für das Feuilleton hat die Sendung einen hohen soziologischen Wert, nicht zuletzt, weil sie Geschichten über soziale Mobilität erzählt: Wer hat den Wagemut, Esprit, die Leidenschaft und den Optimismus, ein eigenes Business aufzustellen?

    Kurz: Nina Pauer und Ijoma Mangold reden diesmal über ein Genre, das für Feuilletonverhältnisse ungewöhnlich viel Zukunftszuversicht ausstrahlt. Wäre da nicht die Tiefkühlkost. Denn auch das lehrt “Die Höhle der Löwen”: Die größte Herausforderung ist und bleibt das Segment gekühlter Food-Innovationen. Deshalb: Finger weg von der Kühlkette!

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  • 12.10.2020
    51 MB
    01:00:44
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    Tal der Ahnungslosen

    Kalifornien brennt. Die Waldbrände haben längst San Francisco und das Silicon Valley erreicht. Bis in die späten Nullerjahre galt die sogenannte Bay Area an der Westküste der USA als utopischer Ort: Hier wurde dank Digitalisierung eine bessere Zukunft für die Menschheit errungen, eine Zukunft der Teilhabe, der direkten Demokratie, der Transparenz und Herrschaftsfreiheit.

    In den vergangenen zehn Jahren jedoch ist das Silicon Valley zum dystopischen Ort geworden: Die großen Tech-Konzerne überwachen jede unserer Lebensregungen, ihre Algorithmen steuern die Menschheit, künstliche Intelligenz schafft die freien Subjekte ab. Sind die Waldbrände in Nordkalifornien nur das sichtbarste Zeichen für das Ende des Optimismus, der von der Sehnsuchtsformel Silicon Valley ausgeht?

    Ein Buch und eine Serie jedenfalls eröffnen in diesem Herbst eine ganz neue Perspektive auf die amerikanische Tech-Industrie: “Code Kaputt” heißen die Memoiren der Schriftstellerin Anna Wiener, die aus dem New Yorker Literaturbetrieb floh und jahrelang im Silicon Valley arbeitete. Und "Devs" heißt die neue Serie von Science-Fiction-Star Alex Garland, der uns die Welt der Milliardäre und Entrepreneure von ihrer gruseligsten Seite zeigt. Über das Buch und die Serie und vieles mehr diskutieren Ijoma Mangold und Lars Weisbrod in der neuen Folge des Podcast “Die sogenannte Gegenwart”.

    Das Buch “Code Kaputt” von Anna Wiener https://www.droemer-knaur.de/buch/anna-wiener-code-kaputt-9783426277737

    Der Roman “Ich hasse dieses Internet” von Jarett Kobek https://www.fischerverlage.de/buch/jarett-kobek-ich-hasse-dieses-internet-ein-nuetzlicher-roman-9783596297863

    Die Serie “Devs” von Alex Garland https://www.werstreamt.es/serie/details/1587558/devs/

    Alex Garlands Film “Ex Machina” https://www.werstreamt.es/film/details/575489/ex-machina/

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  • 28.09.2020
    48 MB
    57:22
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    Cancelt uns endlich!

    Seit Monaten geistert der Begriff “Cancel Culture” durch unsere Debatten. Gemeint ist damit: Angeblich manipulieren linke Kulturkämpfer unsere Öffentlichkeit, damit missliebige Personen und Meinungen keine Bühne mehr bekommen. Als Beispiele dafür gelten die Geschehnisse um die Kabarettistin Lisa Eckhart, die nicht wie geplant bei einem Hamburger Literaturfestival auftritt – oder der interne Streit bei der New York Times, ausgelöst durch den Gastbeitrag eines Politikers, der den Einsatz des US-Militärs gegen Demonstranten in amerikanischen Städten forderte.

    In der neuen Folge unseres Feuilleton-Podcasts streiten Ijoma Mangold und Lars Weisbrod: Gibt es so etwas wie Cancel Culture? Und wenn es sie gibt, was stört Liberale daran, dass Menschen von ihrer Freiheit gebrauch machen, die Bühne nur mit den Leuten zu teilen, auf die sie Lust haben? Was genau sollen die “unlauteren” Methoden sein, durch die sich Cancel Culture auszeichnet? Oder ist das linke Woke-Milieu so autoritär geworden, dass es nicht einmal mehr erträgt, dass seine aktivistischen Strategien durch den Begriff Cancel Culture problematisiert werden? Muss das Offensichtliche geleugnet werden?

    Während Ijoma Cancel Culture erkennt und befürchtet, unsere Debattenlandschaft könnte durch sie veröden, hat Lars viel mehr Angst davor, dass wir unter diesem Schlagwort eine sinnlose Gespensterdiskussion führen, aus der wir nicht mehr herausfinden. Er würde sich aber trotzdem freuen, wenn auch der Feuilleton-Podcast “Die sogenannte Gegenwart” endlich gecancelt würde – denn dann wären wir in aller Munde.

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  • 14.09.2020
    47 MB
    56:09
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    Arbeit nervt!

    Selten haben wir so grundsätzlich über unsere Arbeitswelt nachgedacht wie in diesem irren Jahr 2020. Plötzlich sprachen alle von "systemrelevanten" Jobs, die viel zu schlecht bezahlt sind, von Homeoffice – und sogar die 4-Tage-Woche ist endlich wieder Thema.

    Die in den letzten Monaten neu entflammte Debatte dürfte auch dem Kapitalismuskritiker David Graeber gefallen haben, der am 2. September überraschend gestorben ist. Mit seinem Buch "Bullshit Jobs" hat er unsere heutige Arbeitswelt aufs Heftigste kritisiert: Viel zu viele Menschen müssen viel zu viel Lebenszeit mit unnützen Tätigkeiten verbringen, sei es sinnloser Papierkram oder ineffizientes Stunden-Absitzen im Büro.

    Graebers These diskutieren Nina Pauer und Lars Weisbrod in der neuen Folge des Feuilleton-Podcasts “Die sogenannte Gegenwart”: Wieso arbeiten wir trotz technischem Fortschritt immer noch so viele Stunden am Tag? Wieso gibt es überhaupt all diese Büroarbeiterinnen und -arbeiter, die Evaluationsberichte schreiben, die nie jemand liest? Ist Arbeiten um der Arbeit willen nicht längst obsolet geworden?

    Links zur Podcast-Folge:

    David Graeber: "On the Phenomenon of Bullshit Jobs" (https://www.strike.coop/bullshit-jobs/)

    David Graeber: "Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit" (https://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft_/_Politik/Bullshit_-_Jobs/96701)

    Florian Wagner: "Rente mit 40. Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus" (https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/rente-mit-40-9783430210171.html)

    Madame Moneypenny (https://madamemoneypenny.de/buecher/)

    Ryder Carroll: "Die Bullet Journal Methode. Verstehe deine Vergangenheit, ordne deine Gegenwart, gestalte deine Zukunft" (https://www.rowohlt.de/taschenbuch/ryder-carroll-die-bullet-journal-methode.html)

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  • 31.08.2020
    52 MB
    01:02:38
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    Warum Liebe endet

    Hach, wie schön, wenn sich gut aussehende Menschen ineinander verlieben und wir ihnen in Filmen dabei zusehen dürfen, wie sie glücklich werden. Endlose Songs und Bücher erzählen vom Gelingen der Liebe – bloß was, wenn sie scheitert? Damit beschäftigen sich die ZEIT-Redakteurin Nina Pauer und der ZEIT-Kulturkorrespondent Ijoma Mangold in dieser Folge des Feuilleton-Podcasts.

    In der emotionalen Moderne, heißt es, sei alles flüchtig geworden. Stabile Bindungen lösen sich auf. Ehen werden nicht mehr nach dem Schuld-, sondern nach dem Zerrüttungsprinzip geschieden, wenn die Liebe an Intensität einbüßt, wird die Beziehung, Ort auch der sexuellen Selbstverwirklichung, aufgegeben. Jederzeit kann ein Reset durchgeführt werden und dann beginnt alles von vorne. Die israelische Soziologin Eva Illouz, über deren Buch "Warum Liebe endet" sich Ijoma Mangold und Nina Pauer dieses Mal unterhalten, attestiert unserer Gegenwart eine "Kultur der Lieblosigkeit". Schuld daran sei der Kapitalismus. Aber sind wir nicht auch autonome Subjekte, die selbst für ihre Gefühle und Handlungen und Entscheidungen verantwortlich sind?

    Was erzählen uns Filme und Bücher über die Liebe und deren Ende heute? Im Film "Marriage Story" mit Scarlett Johansson und Adam Driver wird das Ende einer Ehe gezeigt, und das Raffinement des Films besteht gerade darin, dass es unmöglich für den Zuschauer ist, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen: Die Sache ist einfach verflixt.

    Auch die Schriftstellerin Sally Rooney erzählt in ihrem aktuellen Bestseller "Normale Menschen" von zwei Menschen, bei denen die Leserinnen und Leser denken: It's a match! Und doch, herrje, will es nicht klappen. Hat es mit der unterschiedlichen Klassenlage der beiden Protagonisten zu tun? Oder was sträubt sich in den Psychen der Zeitgenossen gegen das verbindliche Liebesversprechen? Wenn Polyamorie und Tinder nicht die Lösungen sind, brauchen wir vielleicht wieder eine Renaissance der Kupplerin wie in der Netflix-Serie "Indian Matchmaking", in der eine indische Heiratsvermittlerin begleitet wird, die weiß: "The ego is the problem!" In Folge fünf unseres Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" widmen sich Nina Pauer und Ijoma Mangold der modernen Liebe.

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  • 17.08.2020
    47 MB
    56:30
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    Warum eine Krankenhausdoku die beste Serie des Jahres ist

    Zwei Ärzte und ein offenes Gehirn – sieht so die beste TV-Serie des Jahres aus? Nina Pauer und Lars Weisbrod meinen: Ja! Seit Wochen schreiben sich die beiden bei WhatsApp aufgeregte Nachrichten, wenn eine Szene aus der Doku "Lenox Hill" sie wieder umgehauen hat: Auf Schritt und Tritt darf man in den acht Folgen die Ärzte und Ärztinnen eines New Yorker Krankenhauses viele Monate lang begleiten, in der Neurochirurgie, der Notaufnahme und der Geburtshilfe. Und weil plötzlich das Coronavirus in der Stadt ausbricht, erfährt man in der letzten Folge auch noch, wie es aussah, als das New Yorker Gesundheitssystem fast zusammengebrochen wäre. Ein Einblick, den es im Fernsehen so noch nie gab und der ein ganz neues Genre der Krankenhausserie begründet. Nina Pauer und Lars Weisbrod sprechen über die großen Themen, die "Lenox Hill" zum besten Feuilletonstoff machen: Warum bewundern wir die Neurochirurgen David und John so sehr? Ist der Beruf des Arzts wirklich das genaue Gegenteil zu einem Bullshitjob? Die ZEIT-Redakteurin und der ZEIT-Redakteur reden über Hirn-OPs und Skalpellarbeit und fragen sich: Wieso scheint so eine explizite Darstellung von Körperlichkeit so faszinierend – ausgerechnet im Zeitalter der unsichtbaren Bedrohung Krebs? Wie wichtig ist die "sprechende Medizin", also das Verhältnis von Arzt und Patient? Und gibt es vielleicht sogar so etwas wie eine integrative politische Kraft des gemeinsamen Kampfes gegen die Krankheit? Kommen im Krankenhaus Lenox Hill die liberalen Eliten aus New York und die Trump-Wähler aus dem Hinterland zusammen und ziehen an einem Strang? In Folge 4 unseres Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" erzählen Nina Pauer und Lars Weisbrod, warum ihre neue Lieblingsserie "Lenox Hill" so viel über unser Jetzt verrät.

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  • 03.08.2020
    47 MB
    56:11
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    Ist Kapitalismuskritik Kitsch?

    Wir reden zu wenig über Klasse und Kapitalismus, und wenn wir es tun, dann nicht schlau genug – Ijoma Mangold und Lars Weisbrod zeigen in der dritten Folge des ZEIT-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart", wie es besser geht. Wenn Identitätspolitik kritisiert wird, heißt es dauernd: "Redet weniger über Genderklos, redet lieber über Klasse! Get real!" Stimmt, nur bleibt es meistens leider bei der bloßen Forderung, ohne dass wirklich über Klasse geredet würde. Ijoma Mangold und Lars Weisbrod wollen das in der dritten Folge des Feuilleton-Podcasts anders machen: Sie reden diesmal über Klasse und Kapitalismus! Und über Gangsta-Rap. Denn was ist mehr Gegenwart als der Kapitalismus, in dem wir alle leben? Das Problem nur: Obwohl dieser verdammte Kapitalismus allgegenwärtig ist und uns jeden Tag umgibt, scheint es gar nicht so einfach, ihn schlau zu beobachten. Ijoma erklärt, warum so vieles, was im Ton der Wehleidigkeit als Kapitalismuskritik vorgetragen wird, reiner Kitsch ist und mehr mit einem Unbehagen in der Kultur zu tun hat als mit der Klassenfrage. Der schlimme Leistungsdruck, die Selbstoptimierung der Subjekte, das Gefühl der Entfremdung – all das sind Phänomene, die in Wahrheit mehr mit der menschlichen Natur zu tun haben als mit kapitalistischen Strukturen. Lars erzählt, warum für ihn der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll schuld daran ist, dass wir in Deutschland zu wenig und zu falsch über ökonomische Fragen sprechen – seine furchtbare Anekdote vom Fischer am Meer hat viel zu lange geprägt, wie wir in Deutschland über Kapitalismus nachdenken. Deswegen hat Lars eine wichtige Lektion erst von Gangsta-Rappern lernen müssen: Es geht im Leben eben doch ums Geld! Vor allem für Arbeiterkinder wie ihn. Und weil die beiden schon mal beim Thema Gangsta sind: Am Ende streiten Ijoma und Lars sich über eine Schlüsselszene aus der deutschen Serie “4 Blocks”, in der Berliner Clan-Kriminelle Böll zitieren. Dabei geht es um nichts weniger als die großen Frage: Was es heißt, im Kapitalismus zu leben. Geht es wirklich um Konkurrenz, bei der die besten gewinnen? Oder ist das Spiel manipuliert? Und was sollen wir tun? Lieber die Erbschaftsteuer erhöhen oder mehr Menschen an die Kapitalmärkte bringen? Außerdem werden in der Rubrik Gegenwartscheck brandaktuelle Phänomene unserer Gegenwart aufgespürt und gedeutet: Warum der klitzekleine Schreibtisch auf dem Vormarsch ist, wie Kanye West sein iPhone einsetzt und weshalb das Wort "Skalieren" bei "deinem Onlinebusiness" so eine Konjunktur erlebt.

    Sie erreichen das Team unter [email protected]

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  • 20.07.2020
    45 MB
    54:08
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    Anmut und Angeberei – die Renaissance der Kochshows

    "Hmmm!" und "lecker!" – so hieß es früher beim Fernsehkoch Alfred Biolek, der mit hochgezogenen Augenbrauen und Weinglas in der Hand in dampfende Töpfe schaute und völlig schambefreit mit Brühwürfeln und Ketchup-Flaschen hantierte. Es folgte die Zeit der Studioküchen mit Johannes B. Kerner, später mit Markus Lanz, bei denen alle Zutaten zurechtgeschnitten in kleinen Schüsselchen bereitlagen.

    Heute hat sich die Welt der Kochshows dagegen stark ausdifferenziert: Ein regelrechtes Universum an Sendungen auf Netflix und YouTube ist entstanden, ein Megatrend rund um das perfekte Verarbeiten von Lebensmitteln. Was sagt diese neue Obsession mit dem Kochen über unsere Gegenwart aus? Warum beneiden wir Zuschauer eine zahnlose alte Indonesierin um ihren Süßigkeitenstand auf den Straßen von Java? Und ist die Begeisterungsfähigkeit eines französischen Starkochs für seine eigenen Kreationen und die Anmut seiner Handgriffe auf Dauer nicht doch etwas nervig?

    Immer geht es dabei um eine Lebensform und das Zelebrieren von Individualität: Sinnlichkeit als Distinktionsmerkmal. Sie ist ein Antidot zur Digitalisierung. Sie verbindet den Menschen wieder mit der Elementarität der Natur, und wenn sich die Proteine des T-Bone-Steaks unter der Einwirkung von Hitze in Röstaromen verwandeln, kehrt der Mensch zurück zur Urszene der Anthropogenese: Denn Mensch wurde der Homo sapiens erst, als er lernte, seine Nahrung zu kochen: Ab diesem Moment war er nicht mehr, wie die anderen Primaten, den halben Tag mit Kauen beschäftigt. Seine Kiefermuskeln konnten sich zurückbilden und gaben Raum frei für mehr Hirnmasse.

    Nina Pauer und Ijoma Mangold analysieren die neuen Kochshows und ihren Lifestyle.

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  • 20.07.2020
    46 MB
    55:24
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    Ist "woke" das neue "narzisstisch"?

    Dieses Buch wird eine Jugendbewegung auslösen, freuen sich die einen. Dieses Buch nervt einfach nur komplett, jammern die anderen. In "Allegro Pastell" von Leif Randt fahren sorglose Millennials im Tesla durch die Gegend, und wenn sie mal in Stimmung kommen wollen, nehmen sie gut dosiert Ecstasy oder spielen gleich Badminton. Das einzige Problem, was die Helden des Romans noch plagt: Sie sind so sensibel für alle Schwingungen der Gegenwart, dass sie sich fortlaufend gestochen scharf selbst dabei beobachten, wie sie leben – und selbst den Kontrollverlust noch unter Kontrolle kriegen.

    Sind diese 288 Seiten jetzt genial oder bloß ein bisschen langweilig? Auf jeden Fall kommt "Allegro Pastell" der Gegenwart ziemlich nah, finden Ijoma Mangold und Lars Weisbrod – und haben den Roman deswegen zum Thema der allerersten Folge des neuen Feuilleton-Podcasts "Die sogenannte Gegenwart" gewählt. Sie lassen sich die besten Stellen von Apples Sprachassistentin Siri vorlesen und bald wird klar, worum es hier eigentlich geht: die politische Gegenwart. Denn zeigen Leif Randts Figuren nicht vor allem, dass links sein und "woke" sein heute vor allem eins heißt – man darf endlich hemmungslos narzisstisch daherreden?

    Die beiden Feuilletonisten streiten über diese und andere Fragen, außerdem erzählt Lars Weisbrod, warum er auch so gern Elektroautos fährt, und Ijoma Mangold sagt den Tesla-Börsenkurs voraus.

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